
Am 13. Juni wählt Bad Oldesloe per Direktwahl einen Bürgermeister. Im letzten Monat trafen wir uns zu diesem Thema mit dem Amtsinhaber, diesmal baten wir einen der Herausforderer zum Gespräch. Tanja Hiller und Hagen Freiherr von Massenbach (40) saßen zusammen im Glacehaus.
IN: Als Sie am 25. Juni 2009 Ihren Geburtstagskuchen anschnitten, waren weltweit Menschen in gemeinsamer Trauer, wissen Sie noch, warum?
HvM: Mein Geburtstag kann doch für niemanden ein Trauertag sein! Ich war wundervoll segeln, das Wetter war allerdings etwas missmutig, hängt es damit zusammen? Gab es irgendwelche Sturmtiefs?
IN: Nein. An ihrem Geburtstag 2009 starb Michael Jackson.
HvM: Direkt an dem Tag? Anscheinend waren wir nicht allzu sehr verbunden. Aber ich bin mir auch sicher, dass ich dank der Zeitverschiebung erst am nächsten Morgen davon erfahren habe.
IN: Konzentrieren wir uns auf Bad Oldesloe: „In Oldesloe geht mehr“ lautet Ihr Motto. Wann starten Sie mit dem Wahlkampf?
HvM: Beginnt der Wahlkampf nicht bereits, wenn man den Entschluss fasst, antreten zu wollen? Sobald diese Entscheidung gefällt ist, ist man gedanklich mittendrin. Aber die Aktionen in der Öffentlichkeit, die Sie sicher meinen, laufen nun an. Da sind ein paar schöne Dinge geplant, lassen Sie sich überraschen. In Oldesloe geht mehr bedeutet Dynamik, bedeutet Entwicklung, und vor allem ein Miteinander. Wir haben zwar etliche kleinere und größere Baustellen, aber wir haben auch schon eine ganze Menge Tolles.
IN: Zum Beispiel?
HvM: Die Frage ist immer, wie man sich persönlich orientieren möchte. Möchte man eine Stadt um sich herum, in der es 24 Stunden am Tag pulsiert, dann ist Oldesloe möglicherweise nicht der optimale Ort. Wenn man aber etwas abseits der Metropolen leben möchte, mit viel Natur, ohne dabei auf Wesentliches zu verzichten, ist man hier genau richtig. Was man braucht, bekommt man in Oldesloe. Ich kann hier jede Sportart betreiben, die ich möchte. Kulturell bietet die Stadt ein durchweg tolles Angebot. Und wenn es dann doch mal Hamburg oder Lübeck sein sollen, haben wir den Bahnhof.
IN: Sie segeln, fahren gerne Rad, laufen, singen im Kammerchor, spielen Posaune. Macht Ihnen das denn so wenig Spaß, dass Sie einen Job anstreben, der dafür keinen Platz mehr lässt?
HvM: Nein, definitiv nicht. Ich glaube aber, mit einem vernünftigen Zeitplan wäre das alles noch machbar. Segeln, Laufen und Radfahren sind Individualsportarten, die kann man betreiben, wenn es gerade passt. Da lasse ich kein Team im Stich, wenn ich mal nicht zum Training erscheine. Werde ich Bürgermeister, laufe ich dann halt schon um 6 Uhr morgens.
IN: Sind Sie so diszipliniert?
HvM: Ja, meistens schon. Weil man das Ergebnis so direkt spürt. Wenn ich morgens gelaufen bin, starte ich mit freiem Kopf in den Tag, das gibt enorm viel Kraft. Was allerdings sicher etwas auf der Strecke bleiben würde, wären das Posaunenspiel und das Singen. Gestartet bin ich damals im Oldesloer Buxtehude-Chor, singe aber aus Zeitgründen nur noch bei einzelnen Projekten im Kammerchor, wie Ende März bei der Matthäus-Passion. Das ist schade, aber ich denke, da wird es immer wieder Einzelaktionen geben, bei denen man einsteigen kann.
IN: Ihre beiden Kinder leben bei der Mutter in Hamburg, Sie in Oldesloe mit Ihrer neuen Lebenspartnerin. Wie waren die Reaktionen auf Ihren Plan, zu kandidieren?
HvM: Von meiner Partnerin Dorothea habe ich die vollste Unterstützung. Sie weiß, dass das ein Lebenswunsch von mir ist. Und meine Kinder finden es einfach spannend. Das war schon bei der Kommunalwahl so, als plötzlich überall Plakate von ihrem Vater hingen. Auch da sage ich: Man muss sich strukturieren und klare Positionen vertreten. Wenn die Kinder am Wochenende bei mir sind, bin ich für sie da. Das hat auch meine Fraktion gelernt. Alles hat seine Zeit. Sobald man versucht, alles zu vermischen, wird man niemandem gerecht. Natürlich wird der Zeitplan straffer, wäre ich Bürgermeister, aber dem sehe ich gelassen entgegen. Für mich überlagern die Gestaltungsmöglichkeiten und die Chancen zur Veränderung, die dieses Amt mit sich brächte, deutlich die Verpflichtungen. Aber noch bin ich kein Bürgermeister. Sollte ich es werden, können wir uns gerne noch mal in einem Jahr treffen, dann kann ich sagen, ob mein Zeitplan aufgegangen ist.
IN: Sind Sie siegessicher?
HvM: Ich glaube, dass ich ein recht gutes Angebot für Oldesloe bin. Ja, ich denke, dass ich gute Chancen habe, Bürgermeister zu werden. Aber das Spannende an diesen Wahlen ist ja, dass es niemand im Vorfelde wirklich wissen kann. Wie sich jede einzelne Person in der Wahlkabine entscheidet, hängt von so vielen Faktoren ab, da können wir nur gespannt abwarten.
IN: Können Sie eigentlich noch ganz unbefangen mit den Menschen reden, oder ist da immer der Gedanke „Wählt er oder sie mich wohl?“
HvM: Ich glaube, es ist genau umgekehrt. Manche Gesprächspartner scannen jetzt eher mich ab. Ich bin da unbefangen wie eh und je. Das muss man sich auch bewahren; wenn man seine Worte nur auf das jeweilige Gegenüber einstellt, verliert man sein eigenes Profil.
IN: Die norddeutsche Linie der von Massenbachs bekleidete hohe preußische Verwaltungs- und Militärämter. Vier ½ Jahre Zeitsoldat waren Sie bereits. Sie beugen sich also nur familiärer Tradition?
HvM (lacht): Nein, da habe ich mich keiner Tradition zu beugen. Ich mache das aus vollstem Herzen.
Meine Bundeswehrzeit verbrachte ich bei einer Fernmeldeeinrichtung im dänischen Viborg. Das war eine tolle Zeit. Ich habe viel gelernt in diesen Jahren, viel auch von der Sichtweise der Dänen. Es ist eine spannende Erfahrung, auch mal eine Zeitlang „Ausländer“ zu sein.
IN: Sie sind ausgebildeter Verwaltungsfachangestellter. Nach einigen Jahren im Job und bei der Bundeswehr legten Sie eine mehrmonatige „berufliche Orientierungsphase“ beim CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen) ein. Danach kehrten Sie zurück in die Verwaltung. Die Orientierung war also eine Rückbesinnung?
HvM: Von allem etwas. Ich komme aus der christlichen Jugendarbeit in Oldenburg, wo ich ja aufgewachsen bin, und habe auch während der Bundeswehrzeit mein Ehrenamt beim CVJM weiter geführt. Irgendwann, gerade wenn man eine längere Zeit im Ausland verbringt, wirft man einen Blick von außerhalb auf sein Leben. Man überlegt, wo es hinführt, was man für die eigene Zukunft möchte. Ich war ein Stück weit aus dem Verwaltungsdienst raus, und daher relativ frei, mich zu orientieren. Was ich schon immer wollte, war etwas zu gestalten, nicht alleine, sondern mit Menschen zusammen. Also habe ich mich innerhalb des CVJM nach entsprechenden Möglichkeiten umgesehen. Die Fortbildung zum CVJM-Sekretär, klang für mich sehr passend. CVJM-Sekretäre und -Sekretärinnen sind für die Leitung der missionarischen Jugendarbeit verantwortlich, ein einjähriges Praktikum ist Pflicht, und das startete ich in Duisburg. Ich fühlte allerdings recht bald, dass es so nicht mehr passte. Ich war gedanklich einfach schon an einem anderen Punkt. Dann kam die Rückbesinnung auf meinen erlernten Beruf. Da sich meine damalige Partnerin zu dem Zeitpunkt beruflich Richtung Hamburg orientierte, habe auch ich meine Fühler in dieser Region ausgestreckt und bekam kurze Zeit später das Angebot bei der Gemeinde Ammersbek. Die Themen Ehrenamt und Gestaltung sollten aber integriert werden, und so reifte der Wunsch, sich zusätzlich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Und nun habe ich beides. Kann gestalten und als Basis ist da die fundierte Ausbildung und Erfahrung in der Verwaltungstätigkeit.
IN: Kann man als Bürgermeister tatsächlich so vieles gestalten?
HvM (lacht): Ich stelle fest, Sie haben eine unglaublich positive Auffassung von dem Amt des Bürgermeisters. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich das wirklich gerne möchte. Für mich liegen gerade in dieser Form der Wahl, in der Direktwahl, riesengroße Möglichkeiten. Alle Menschen mit einzubinden, sich zu treffen und wirklich miteinander zu reden. Die Politik, die Verwaltung, und die Bürger, die ihre ganz persönlichen Hoffnungen und Wünsche an ihre Stadt haben. Gemeinsam etwas zu erarbeiten, gemeinsam etwas zu schaffen. Das ist schon eine ganz große Gnade, sich abends hinzusetzen, sich Gedanken über seine Stadt zu machen und am nächsten Tag mit der Umsetzung zu starten. Als Bürgermeister kann ich die entsprechenden Leute ansprechen und sie vernetzen. Natürlich ist auch die Verwaltungstätigkeit ein großer Part, aber ich sehe gerade einen direkt gewählten Bürgermeister eher vor dem Schreibtisch, bei den Bürgern. Um wirklich auch zu hinterfragen, Hilfe anzubieten. Man muss sich auch in der Politik nicht spinnefeind sein, sondern kann gut zusammen arbeiten.
IN: Sie sind engagiert, gut gelaunt, sprühen vor Energie, sind sportlich, singen im Kirchenchor, unterstützen den NaBu, spielen Posaune. Das klingt ja wie ein Florian Silbereisen der Politik! Wo verstecken Sie Ihre Ecken und Kanten?
HvM (lacht): Warten Sie auf die Skandale, die sich dahinter womöglich verbergen?
Ich muss Sie enttäuschen, ich spiele nichts vor und plane auch kein Image, ich bin genau so wie Sie mich erleben. Ich bin tatsächlich auch morgens schon freundlich und ausgeschlafen. Sie halten mich für harmoniesüchtig?
IN: Hm.
HvM: Sie haben Recht, ich mag Harmonie. Aber auch ich kann zum HSV-Spiel fahren und mich im Jubel gehen lassen. Grundsätzlich bin ich aber sehr grundgewissenhaft erzogen worden. Ich mag es, wenn man miteinander klarkommt. Und wenn es nicht so ist, muss man offen und ehrlich besprechen, woran es hapert. Wir gewinnen nichts, wenn wir uns gegenseitig beharken.
IN: Womit punkten Sie noch in diesem Wahlkampf?
HvM: Zum Einen mit dem Alter, der Perspektive. Oldesloe weiter zu entwickeln bedeutet auch langfristige Ziele und das braucht einen langen Atem. Rein rechnerisch könnte ich das Amt des Bürgermeisters 24 Jahre ausüben, will auch ganz bewusst darauf hinaus, weiter zu machen. Und ich glaube, dass das, was ich biete, genau das ist, was Oldesloe gerade jetzt braucht. Dieses Verknüpfen, das Moderieren. An allen Ecken wird die Sehnsucht deutlich, dass die Leute sich treffen, sich begegnen wollen.
IN: Was fehlt konkret?
HvM: Oldesloe fehlt Herz. Nicht den einzelnen Bürgern, aber im Gesamten. Es fehlt die Leidenschaft für Veränderung und Weiterentwicklung. Momentan starten ganz viele Projekte, die das Gesicht der Stadt für die nächsten Jahrzehnte und darüber hinaus ausmachen werden. Sei es im Bereich der Stadtentwicklung, dem Kultur- und Bildungszentrum und vielem anderen. Was Oldesloe darüber hinaus fehlt, ist ein klares, selbstständiges Profil. Selbstbewusst zu sagen, das sind wir und das wollen wir. Oldesloe hat doch so vieles, es muss nur alles zusammen geführt werden. Gegen das, was Oldesloe zu bieten hat, kann keine andere Stormarner Stadt mithalten. Oldesloe braucht nur endlich ein bisschen mehr Glanz. Keinen aufgesetzten, sondern einen ganz authentischen, an dem wir alle mitarbeiten. Vor allem müssen wir uns in Oldesloe davon verabschieden, dass bestimmte Personen alles zu entscheiden haben. Es geht darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, es ist ja schließlich ihre Stadt.
IN: Wo glänzt Bad Oldesloe für Sie bereits jetzt?
HvM: Da gibt es mehrere Orte. Einmal im Kurpark, hinter dem Salzteich. Da sind ganz wundervolle Plätze, wo man von einer Bank aus über die Beste schauen kann. Und das andere ist der Platz rund um das Mühlenrad im Sommer. Dort beim Italiener zu sitzen, ein Eis zu essen, die Atmosphäre zu genießen, da hat man doch das Gefühl, in ganz anderen Breitengraden zu sein. Und die Peter-Paul-Kirche ist ein Ort, der mir persönlich sehr nahe ist.
IN: Was machen Sie nach dem 13. Juni?
HvM: Da fahre ich an den Plöner See, lasse meine Rosinante zu Wasser und die Seele baumeln.
IN: Vielen Dank für dieses Gespräch.

