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Australien? Niemals. Dschungeltouren? Ohne mich. Camping in Süditalien? Besser Wohnmobil in Schweden. Seit ich denken kann, ekele ich mich vor Spinnen und seit ich alleine urlauben kann, plane ich meine Reiseziele nicht unabhängig von den Achtbeinern, die in der Gegend zuhause sind. Bei Gunther Witt ist das genau anders herum: Seit einem Vierteljahrhundert fährt und fliegt er nur dorthin, wo die Spinnen am größten, am häufigsten und am giftigsten sind. Auch zuhause in Oldesloe sucht er ihre Nähe, kein Wunder also, dass wir uns in dieser Woche in der Jugendherberge zum ersten Mal begegnen. Gunther Witt ist nicht nur Stormarns Spinnenexperte No.1 sondern auch selber Züchter (und Entdecker der Psalmopoeus maya) und gibt seine Faszination besonders gerne an Kinder und Jugendliche weiter.
Am 12. Juli, dem ersten Ferientag, ist es schon um 10 Uhr morgens brütend heiß, als sich 27 Kids zwischen 6 und 10 Jahren in der Jugendherberge versammeln. „Itsy-Bitsy-Spider“, eine der ersten Ferienpassaktionen, bedeutet für sie sechs Stunden unvergessliche Eindrücke. Gunther Witt und Dirk Nordström, ein Freund Witts und ebenfalls Fachmann für diverse Gliederfüßer, haben ihre exotischen Haustiere mitgebracht. Einen Skorpion, gartenschlauchdicke Tausendfüßer und – klar, Vogelspinnen. Die Spinne rückt in den Fokus. Anhand von Präparaten bringen die Spinnenexperten uns das Tier nahe. Sehr nahe. Nach einer spannenden knappen Stunde wissen wir, dass Vogelspinnen bis zu 25 Jahren alt werden können, keinen Wundverschluss besitzen und bei jeder Häutung sogar die Augen erneuern, weil sie sie sich beim Krabbeln durch enge Höhlengänge schon mal abscheuern. Was wenig stört, da sie damit eh kaum etwas anfangen können. Ihr größtes Sinnesorgan sind die Becherhaare, die zwischen den längeren Haaren sitzen und sogar auf feinste Schallwellen reagieren. „Was ist daher wohl das Allerschlimmste für eine Spinne?“ Ein Junge weiß sofort die Antwort: „Der Tod.“ Kann man zweifelsfrei nicht außer Acht lassen, aber gesucht war „starker Wind oder auch: angepustet zu werden“. Wenn nun gleich Jonny, die Grammostola rosea aus dem Terrarium genommen und in Ruhe jedem Kind gezeigt wird, ist Pusten also absolut verboten, um sie nicht zu quälen. Natürlich werde auch ich nicht pusten. Das ist jetzt wohl der Moment, in dem ich eine Bindung aufbaue. Das Tier ist für mich kein widerlicher Achtbeiner, der meinen Fluchtinstinkt aktiviert, sondern Jonny, der mich interessiert und dem ich nichts Böses will. „Meiner Erfahrung nach ist die Angst vor Spinnen reine Prägung, keine Vererbung“ sagt Gunther Witt und ich glaube ihm. Meine Kinder sollen ihre Urlaubsorte später unbefangen auswählen, und so präge ich sie (im Rahmen meiner arachnophoben Möglichkeiten) von klein an auf Spinnenfan und mich (ebenfalls im Rahmen meiner arachnophoben Möglichkeiten) gleich mit. Von den 26 Ferienpass-Kindern im Raum plus meinen beiden sind 27 gänzlich unbefangen. Ein Junge, der schon beim Anblick der Häutung einer Vogelspinne die Hände vor die Augen schlägt, wird von Dirk Nordström zur Seite genommen. Ängste werden hier respektiert und behutsam abgebaut. Die restlichen Kinder fiebern darauf, Johnny endlich selber einmal auf die Hand zu nehmen. „Es tut mir leid“, muss Gunther Witt sie enttäuschen, „das geht heute leider nicht. Die Hitze macht auch Jonny zu schaffen und er ist heute ein wenig gereizt. Ich möchte weder ihn gefährden, noch dass es für jemanden von euch unangenehm wird.“ Das Gift, das Jonny in sich trägt, ist zwar für uns Menschen nicht gefährlich, aber der Biss würde – abgesehen von allergischen Reaktionen - in etwa einem Bienenstich ähneln. Die Kinder verabschieden sich von Jonny und toben zum Grillplatz hinter der Jugendherberge zu Wurst & Co. Statt wie geplant durchs Brenner Moor geht es aufgrund der Temperaturen über 30 Grad hinterher über die Grünflächen der Umgebung. Auch dort lassen sich ausreichend Spinnen entdecken und beobachten.
„Und, wie siehts aus, willst Du es mal versuchen?“ Will ich? „Ja.“
Ich lege meine Hände auf den Tisch vor den Terrarien, Jonny krabbelt behäbig drauf. Ich gucke, er sitzt, völlig unspektakulär. Weich und leicht wie zwei Federn, so eine Vogelspinne. „Glaub aber nicht, dass Du ab morgen Kellerspinnen aus dem Haus trägst, das hier hat mit denen zuhause leider wenig zu tun.“ Ich bin gespannt. Auf jeden Fall bin ich etliche Schritte weiter.
Der Itsy-Bitsy-Spidertag ist nicht nur zu Ferienzeiten ein fester Programmpunkt der Oldesloer Jugendherberge für Kindergärten und Grundschulgruppen. Informationen gibt es bei Anja und Christian Sorgatz unter Tel. 04531-5945. |